Beate Heuermann

Nummer statt Name — und was das mit uns zu tun hat

Hotel in Niederlande, ehemaliges Gefängnis

„Nummer statt Name.“

Als er diesen Satz sagte, wurde es kurz still in mir. Wir hatten über seine acht Wochen Haft gesprochen, über die Slowakei, über eine Party, Alkohol, einen Blechschaden, Handschellen und eine Zelle mit Nordseite. Aber dieser eine Satz blieb hängen.

Nummer statt Name.

Kennengelernt haben wir uns, weil er sich nach einem meiner YouTube-Videos bei mir gemeldet hatte. Eine kurze Nachricht zuerst. Dann ein Gespräch. Und irgendwann begann er zu erzählen.

Eine Nacht, die alles verändert hat

Es war eine Party. Er war 26, es war die Slowakei, es war Sommer. Alkohol, Musik, das übliche Gefühl von Unbeschwertheit, das man in diesem Alter noch für selbstverständlich hält. Und dann die Entscheidung, ins Auto zu steigen. Blechschaden. Niemand verletzt.

Trotzdem: Urteil. Acht Wochen Haft.

Er beschreibt den Moment nach dem Gerichtsurteil so, als wäre die Zeit kurz stehengeblieben. Und dann ging alles sehr schnell. Direkt aus dem Gerichtssaal in den Transporter. Handschellen. Eine Fahrt, bei der er durchs Fenster die Strassen sah – Menschen, die einkaufen gingen, Kinder auf Fahrrädern, das normale Leben – und wusste, dass er gerade aus dieser Welt herausgefallen war.

Dann die Ankunft. Anstaltskleidung. Und dann dieser eine Moment, der sich bei mir festgesetzt hat, als er davon erzählte:

Nummer statt Name.

Ich habe kurz innegehalten, als er das sagte. Nummer statt Name. Dieser eine Satz sagt mehr über den Verlust von Würde und Identität als jede lange Beschreibung.

Was eine Zelle mit einem Menschen macht

Seine Zelle: klein, spartanisch, funktional. Doppelstockbett. Waschbecken. Toilette. Alles in einem Raum. Gitter vor dem Fenster – er meinte, es war eher Nordseite, kaum Licht. Die Wände kahl. Nichts, was ablenkte. Nichts, wohin der Blick wandern konnte.

Und die Geräusche. Das ist es, was ich mir beim Zuhören am stärksten vorgestellt habe. Schlüssel auf dem Flur. Türen, die irgendwo zuschlagen – ein dumpfes, endgültiges Geräusch. Schritte, die durch kahle Gänge hallen und dann verstummen. Und dann wieder Stille. Eine Stille, die anders ist als die Stille zuhause. Schwerer irgendwie. Dichter.

Die Tage hatten eine eiserne Struktur. Früh aufstehen. Zählen. Frühstück. Mittagessen. Ein kleiner Rundgang im Hof. Abendessen. Zurück in die Zelle. Und wieder von vorne.

Keine Ablenkung. Kein Smartphone, kein Scrollen, kein Wegklicken. Keine Möglichkeit, sich selbst zu entkommen.

Nur: Zeit. Viel Zeit mit sich selbst.

Ich habe ihn gefragt, wie das war – diese erzwungene Stille, dieses Auf-sich-selbst-Zurückgeworfen-Sein. Er hat einen Moment überlegt. Dann sagte er: resilienter. Er sei resilienter geworden. Durchhaltevermögen. Er hat nicht viele Worte dafür. Aber er sagt auch: Er ist seitdem so gut wie nie mehr alkoholisiert Auto gefahren. Der Denkzettel hat funktioniert. Tief und dauerhaft.

Don’t drink and drive – das ist das naheliegende Learning. Und es ist ein wichtiges. Verantwortung übernehmen für das, was man tut. Auch wenn niemand zu Schaden gekommen ist: Die Entscheidung war falsch, und er weiss das.

Aber mich hat beim Zuhören etwas anderes beschäftigt.

Die Frage, die mich nicht losliess

Während er erzählte, dachte ich: Dieser Mann war acht Wochen eingesperrt. Wirklich eingesperrt. Kein Schlüssel auf dem Nachttisch. Kein Rausgehen, wenn es einem zu eng wird.

Und er ist verändert rausgekommen. Nicht gebrochen – verändert. Ruhiger. Klarer. Mit einem anderen Verhältnis zu sich selbst.

Und dann dachte ich an die vielen Menschen, die ich kenne – und an mich selbst – die nie hinter Gittern waren. Die jeden Morgen aufwachen und theoretisch alles tun können. Die frei sind, im rechtlichen Sinne des Wortes.

Und trotzdem.

Wie viele von uns leben in Gefängnissen, die keine Gitter haben?

Gut eingerichtete Gefängnisse haben keine Gitter

Ich kenne das Gefühl von innen.

Damals am Zürichsee. Eine Wohnung, die wunderschön war – Blick auf den See, Berge im Hintergrund, alles ordentlich, alles sicher, alles nach aussen perfekt. Nach fünf Jahren Frankfurt mitten in der Stadt war das wie ankommen. Traumhaft.

Und gleichzeitig war da irgendwann keine Wärme mehr. Kein echtes Leben mehr zwischen uns. Er ging seiner Karriere nach, ich wurde Mutter, und die Schnittmenge wurde kleiner und kleiner – ohne Drama, ohne grossen Streit. Eher dieses stille, schleichende Leerwerden. Bis ich irgendwann realisierte: Das ist ein goldener Käfig. Vielleicht war genau das mein gut eingerichtetes Gefängnis.

Nach aussen schön. Innen eng.

Ich habe seither dieses Bild immer wieder wiedererkannt. In anderen Häusern, in anderen Leben. Ein schönes Haus, das ich mal besucht habe – gross, gepflegt, und trotzdem keine Wärme darin. Und ich kenne es umgekehrt: meine einfache Wohnung nach der Trennung, schlicht eingerichtet – und die Menschen haben sich wohlgefühlt. Weil etwas da war. Weil ich da war.

Enge hat nichts mit Quadratmetern zu tun.

Unsere gut eingerichteten Gefängnisse sehen anders aus. Sie haben keine Gitter, keine Schlüssel, keine Häftlingsnummern. Aber sie sind trotzdem real.

Schlüsselbund auf Tisch liegend

Ein Job, der sicher ist – aber innerlich längst keine Freude mehr macht. Man geht hin, weil das Gehalt stimmt, weil man nicht weiss, was sonst, weil der Moment nie der richtige zu sein scheint. Und die Jahre gehen.

Eine Beziehung, aus der man nicht rausgeht – nicht weil man liebt, sondern weil man mal verletzt wurde und das nie wirklich angeschaut hat. Weil das Verlassen sich riskanter anfühlt als das Bleiben. Weil Gewohnheit sich irgendwann wie Sicherheit anfühlt.

Oder das ewige «noch nicht». Noch nicht sichtbar werden. Noch nicht das sagen, was man wirklich denkt. Noch nicht den Schritt wagen. Erst wenn alles perfekt ist. Erst wenn man gut genug ist. Erst wenn die Kinder gross sind, der Job sicherer, die Zeit gekommen ist.

Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass man wartet. Dass man sich selbst klein hält. Dass man sich an die eigenen Wände so sehr gewöhnt hat, dass man sie gar nicht mehr sieht.

Das Perfide an gut eingerichteten Gefängnissen ist: Sie sehen oft gar nicht aus wie Gefängnisse. Manche sind wunderschön eingerichtet.

Kein Neuanfang. Eine Neuausrichtung.

Was mich an dem Mann bewegt, der mir geschrieben hat, ist nicht nur seine Geschichte. Es ist das, was er danach gemacht hat.

Er hat sich nicht neu erfunden. Er hat sich neu ausgerichtet.

Das ist ein Unterschied, der mir wichtig ist – vielleicht der wichtigste in diesem ganzen Beitrag. Neuanfang klingt nach Wegwerfen. Nach Verleugnen. Nach: Das war ich nicht, das zählt nicht, ich fange bei null an. Aber bei null fängt niemand an. Wir tragen immer alles mit – jede Erfahrung, jeden Fehler, jeden Moment, der uns geprägt hat.

Neuausrichtung heisst: Ich nehme das alles mit. Und ich schaue, wohin ich von hier aus will.

Dieser Mann hat nicht so getan, als wäre die Slowakei nie passiert. Er hat es integriert. Es ist Teil seiner Geschichte geworden – ein harter Teil, aber einer, aus dem etwas gewachsen ist.

Ich habe das in meinem eigenen Leben oft erlebt. Berufliche Wechsel, Länder, eine Ehe, die endete, die Frage nach der eigenen Identität als alleinerziehende Mutter – wer bin ich jetzt, wenn ich all das abziehe? Jedes Mal war es kein Neuanfang. Es war eine Neuausrichtung. Mit allem, was war, als Fundament.

Das können wir alle. Auch ohne dass uns jemand zwingt hinzuschauen.

Aber vielleicht braucht es manchmal genau das: einen Moment, in dem wir nicht mehr weglaufen können. In dem wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. In dem die Ablenkungen wegfallen und nur noch wir selbst da sind.

Der Gefängniswärter beim Rampe Talk in Aarau hat an diesem Abend etwas gesagt, das mich bis heute begleitet. Wenn jemand vor ihm steht, schaut er nicht zuerst auf das, wofür dieser Mensch verurteilt wurde. Er schaut auf den Menschen, der jetzt vor ihm steht.

Gegenwart. Das ist, was zählt.

Und vielleicht ist das auch die entscheidende Frage, die wir uns selbst stellen könnten.

Nicht: Was habe ich alles falsch gemacht?

Nicht: Wo habe ich versagt?

Nicht: Welche Geschichte erzähle ich seit Jahren über mich?

Sondern: Wer bin ich heute geworden – und will ich wirklich so weiterleben?

Hinschauen. Spüren. Ehrlich werden.

Ich weiss nicht, hinter welchen Wänden du gerade lebst. Vielleicht weisst du es selbst nicht. Manche Gefängnisse erkennt man erst, wenn man lange genug stillgehalten hat, um sie zu spüren.

Aber vielleicht lohnt es sich, einmal hinzuschauen. Nicht mit Selbstkritik. Nicht mit dem Urteil über das, was war. Sondern mit Neugier.

Wer hat dir deine Wände gebaut?

Willst du wirklich drin bleiben?

Und was wäre möglich, wenn du anfängst, dich neu auszurichten – mit allem, was du bist und warst, als Fundament?

Das ist keine einfache Frage. Aber vielleicht gerade deshalb hilfreich.

Vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo wir ehrlich werden. Mit uns selbst.

Und manchmal hilft es, diesen Weg nicht allein zu gehen.

Genau dafür ist auch meine Skool Community entstanden – ein Begegnungsraum für Menschen, die bereit sind hinzuschauen, sich selbst ehrlicher zu begegnen und sich neu auszurichten, statt einfach weiterzufunktionieren.

🌿 ZURÜCK ZU DIR – Raum für dich

Wenn dich dieser Text bewegt hat, findest du uns hier:

🎥 Zu hören gibt es mich auf YouTube
Impulstalk4leadership

Das Video, auf das sich mein Gesprächspartner gemeldet hatte, kannst du hier hören
«Leben hinter Gittern — und du bist draussen. Oder?»


💬 Schreib mir gerne: kontakt@beate-heuermann.com. Ich lese jede Nachricht persönlich.


Bildnachweis

Bild «Schlüssel» von Florin Birjoveanu auf Pixabay

Bild «Gang» Privat, das Hotel in den Niederlanden

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