Beate Heuermann

🔍 Bonus: Persönlichkeitsmodelle im Check – Was steckt wirklich dahinter?

Ob im Coaching, in der Führungskräfteentwicklung oder in der Teamentwicklung – Persönlichkeitsmodelle sind längst Standard. Manche nennen sie hilfreich, andere manipulativ, wieder andere einfach überbewertet. Doch kaum jemand stellt sie ernsthaft in Frage.

Zeit also für eine nüchterne Bestandsaufnahme: Was können diese Modelle wirklich leisten? Was sind ihre Grenzen? Und wie unterscheiden wir zwischen fundierter Reflexionshilfe und übergriffigem Etikett?

🧠 Warum wir überhaupt Modelle nutzen

Der Mensch liebt Ordnung. In einer komplexen, dynamischen Welt brauchen wir Orientierung. Modelle helfen uns, Verhalten zu verstehen, Kommunikation zu verbessern oder Potenziale sichtbar zu machen.

Doch ein Modell ist immer nur das: ein Modell. Keine Wahrheit. Keine Identität.

Es abstrahiert, vereinfacht, strukturiert – und birgt damit zwei grosse Risiken:

  1. Typisierung statt Entwicklung
  2. Reduktion statt Erkenntnis

Wer sich selbst oder andere über ein Profil definiert, verliert den Blick fürs Ganze – und für das, was sich eben nicht testen oder kategorisieren lässt.

🤔 Die seltsame Doppelmoral unserer Zeit

Doch da ist etwas, das mich nachdenklich macht:

Warum akzeptieren wir manche Modelle blind – und andere hinterfragen wir reflexartig?

DISG teilt sieben Milliarden Menschen in vier Farben ein. Das gilt als „professionell».

Human Design erstellt einen individuellen energetischen Fingerabdruck. Das gilt als „zu esoterisch».

MBTI presst uns in 16 Typen und wird in jedem HR-Bereich verwendet.

Astrologie beobachtet seit fünftausend Jahren präzise Zyklen und Muster. Das ist „unwissenschaftlich».

Seit wann ist „jung» und „westlich» automatisch besser als „alt» und „östlich»?

Seit wann ist „einfach kategorisierbar» professioneller als „individuell differenziert»?

Wir haben vergessen, dass wir auch hier im Westen unsere Weisen hatten.

Hildegard von Bingen – Äbtissin, Visionärin, Heilkundige. Sie verband Spiritualität mit praktischem Wissen, Pflanzen mit Gebeten, Körper mit Seele.

Paracelsus wusste um Energien, um die Verbindung zwischen Makro- und Mikrokosmos.

Unsere Grossmütter spürten, wann sie Kräuter sammeln mussten. Bei welchem Mond. Zu welcher Tageszeit. Sie trafen Entscheidungen aus dem Bauch heraus – und lagen fast immer richtig.

Dann kam die systematische Vernichtung dieser Weisheit.

Die Hexenverfolgung. Die Kirche als einzige „Wahrheit». Die Aufklärung, die alles Nichtmessbare als „Aberglauben» abtat.

Wir haben uns entfremdet.

Von unserer eigenen Weisheit. Von unserer eigenen Tradition. Von unserem eigenen Gespür.

Stattdessen übernehmen wir heute blind amerikanische Vier-Kategorien-Modelle und fühlen uns „wissenschaftlich».

Wir machen DISG-Tests und glauben, Menschen verstanden zu haben.

Aber wenn jemand mit jahrtausendealten, differenzierten Systemen arbeitet, die jeden Menschen als einzigartig betrachten, dann ist das plötzlich „nicht seriös».

Die Ironie ist greifbar:

Wir kategorisieren Menschen in vier Schubladen und nennen das „fundiert».

Wir ignorieren individuelle energetische Fingerabdrücke und nennen das „rational».

🔬 Wissenschaftlich fundiert – oder nicht?

Eine wichtige Unterscheidung ist die Frage nach der wissenschaftlichen Fundierung. Das bedeutet: Gibt es unabhängige Studien, die zeigen, dass ein Modell valide (also inhaltlich sinnvoll) und reliabel (also zuverlässig) ist? Oder basiert es eher auf theoretischen Annahmen, Intuition oder Metaphysik?

Hier ein Überblick:

✅ WISSENSCHAFTLICH FUNDIERTE MODELLE:

  • Big Five (OCEAN) – Empirisch belegt, reliabel, international anerkannt. Fünf Dimensionen statt starrer Typen.
  • Reiss Profile – Fundierter als viele andere, basiert auf Motivforschung. Weniger populär, aber differenzierter.

❌ NICHT WISSENSCHAFTLICH FUNDIERTE MODELLE:

Business-akzeptierte Systeme:

  • DISG/ Insights – Basiert lose auf Marston, nicht empirisch validiert. Einfach zu verstehen, aber stark typisierend.
  • MBTI (16 Typen) – Weit verbreitet, basiert auf C.G. Jung. Keine wissenschaftliche Validität, dafür hohes Marketingpotenzial.
  • Structogram – Neurobiologischer Ursprung unklar. Wissenschaftlich nicht belegt, aber einfach im Training einsetzbar.

«Alternative» Systeme:

  • Human Design – Keine wissenschaftliche Fundierung. Symbolisches System zur Selbstreflexion mit spirituellem Ursprung.
  • Gene Keys – Kontemplatives System auf Basis des I Ging. Keine Typologie, sondern Entwicklungsreise.
  • Archetypen (Jung) – Philosophisch-psychologisch inspirierend, aber nicht messbar. Nützlich für Storytelling und Selbstbildarbeit.

Interessant, oder?

Die meisten „Business-Standards» sind genauso wenig wissenschaftlich fundiert wie die „esoterischen» Systeme, die wir so schnell ablehnen.

Der Unterschied liegt nicht in der Wissenschaftlichkeit.

Der Unterschied liegt in der Akzeptanz.

🧭 Wie ich persönlich mit Modellen arbeite

Ich nutze Modelle in meiner Arbeit – bewusst und gezielt. Nicht als Wahrheit. Nicht als Etikett. Sondern als Spiegel.

Ein guter Spiegel zeigt dir etwas, das du selbst oft nicht sehen kannst. Er nimmt nichts hinzu, aber kann helfen, Klarheit zu schaffen.

Ich sage immer: „Nutze das Modell – aber werde nicht zum Modell.» „Lass dich inspirieren – aber nicht festlegen.»

Besonders mit intuitiven oder symbolischen Systemen wie Human Design oder den Gene Keys arbeite ich nicht dogmatisch, sondern als Reflexionshilfe. Sie öffnen Räume, in denen Menschen sich selbst anders erleben – jenseits von Rollen und Lebensläufen.

Und manchmal sind die „unwissenschaftlichen» Systeme die, die am meisten Raum lassen.

Raum für Individualität. Für Entwicklung. Für das Geheimnis, das jeder Mensch ist.

⚠️ Die häufigsten Gefahren im Umgang mit Modellen

  1. Typisierung statt Entwicklung: Wenn Menschen sich auf einen „Typ» reduzieren, wird Wachstum verhindert.
  2. Falsche Autorität: „Du bist halt so» kann schnell zur Fremdbestimmung werden – besonders in Führung oder Auswahlprozessen.
  3. Pseudowissenschaft: Modelle mit hoher Suggestivkraft, aber ohne Basis, können gefährlich werden – wenn sie unkritisch übernommen werden.
  4. Selbstbestätigung: Viele Menschen suchen nur das, was sie bereits glauben. Modelle werden dann zur Rechtfertigung, nicht zur Entwicklung.

✅ Worauf es ankommt: Haltung statt Hype

Die Frage ist nicht, ob ein Modell „richtig» oder „falsch» ist.

Sondern: Was macht es mit mir – und wie gehe ich damit um?

Ein Modell ist hilfreich, wenn es: • zur Selbstreflexion anregt, • Bewusstsein erweitert, nicht einschränkt, • den Dialog fördert statt ihn zu beenden, • dem Wachstum dient, nicht der Festlegung.

🎯 Fazit: Modelle ja – aber bewusst

Modelle sind Werkzeuge. Nicht Wahrheiten.

Sie können inspirieren, Klarheit schaffen, Entwicklung anstossen.

Aber sie ersetzen niemals die Erfahrung. Sie kennen deine Geschichte nicht. Sie hören nicht zu, sie fühlen nicht mit. Das kannst nur du.

Deshalb ist meine Haltung ganz klar: Modellkompetenz ist Teil moderner Selbstführung. Aber nur dann, wenn du weisst, was du da tust.

Und wenn du aufhörst, dich von der vermeintlichen „Unwissenschaftlichkeit» einschüchtern zu lassen.

Denn manchmal sind die ältesten Systeme die weisesten. Manchmal sind die individuellsten Ansätze die hilfreichsten. Und manchmal braucht es den Mut, jenseits der akzeptierten Standards zu schauen.

Im besten Fall helfen Modelle dir, dich selbst zu erkennen. Im schlechtesten Fall hindern sie dich daran, mehr zu werden als das, was du gerade glaubst zu sein.

📌 Gelebte Modellarbeit ohne Etiketten – ein Praxisimpuls

In einem meiner Leadership-Trainings letzte Woche habe ich mit einem Persönlichkeitsmodell gearbeitet – aber bewusst ohne Testverfahren oder Fachbegriffe.

Stattdessen habe ich mit zwei Achsen auf dem Boden gearbeitet: Horizontal: Schnell ←→ Bedacht Vertikal: Aufgabe ←→ Mensch

Die Teilnehmenden positionierten sich im Raum: „Stellt euch in den Quadranten, in dem ihr euch in der reinen Form seht.»

In den jeweiligen Quadranten arbeiteten sie erst einzeln, dann gemeinsam an folgenden Fragen: • Wie seid ihr? Welche Eigenschaften zeigt ihr typischerweise? • Wie geht ihr mit Herausforderungen um? • Wie wollt ihr kommunizieren? Was braucht ihr von anderen?

Die Menschen in den Quadranten beschrieben sich selbst, präsentierten ihre Ergebnisse, fanden Namen für „ihre Typen». Andere ergänzten, was sie an ihnen sahen. Damit kamen Selbst- und Fremdbild zusammen. So begannen sie, sich selbst und gegenseitig besser zu verstehen. Ohne Bewertung. Ohne Schubladen. Nur durch Beobachtung, Resonanz und Dialog.

Der schönste Moment war der, als einzelne Teilnehmende bemerkten: „Ich sehe mich eigentlich gar nicht nur hier. Ich bin irgendwie eine Mischung». Oder: „Ich bin ja mehr in dem anderen Quadranten» „Andere erkennen Anteile an mir, die ich selbst nicht benannt hätte.» Letztlich positionierten sie sich neu.

Und genau das ist für mich die Kraft echter Modellarbeit:

Erkenntnis durch Erfahrung – nicht durch Etikett.

Menschen sind mehr als Profile. Und manchmal zeigen sie sich erst, wenn man ihnen Raum gibt, sich selbst zu entdecken – ohne vorgegebene Kästchen.

Ohne die Angst vor dem „Unwissenschaftlichen».

Mit der Weisheit, dass Verstehen manchmal wichtiger ist als Beweisen.

Herzlich 💛

Beate

P.S.: Falls du spürst, dass du bereit bist für diese neue Art des Führens und Seins im Business: Am 9. September um 19 Uhr nehme ich dich mit auf eine praktische Reise ‚Zurück zu Dir‘. 90 Minuten, in denen du erlebst, wie Spiritualität im Business konkret aussieht – ohne Räucherstäbchen, dafür mit viel Klarheit. → Jetzt kostenfrei anmelden

Diese 4-teilige Serie begann mit dem 1. Teil über Spiritualität, führte über Esoterik vs. Spiritualität und Spiritualität im Business zu diesem kritischen Blick auf unsere Modelle.

Alle Teile findest du hier auf dem Blog – perfekt zum Nachdenken und Vertiefen.

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